Q. G. Li

Narziss

In der griechischen Mythologie entzieht sich der Jüngling Narziss aus Stolz der Liebe der Nymphe Echo. Dafür trifft ihn ein rächender Fluch – er muss sein eigenes Spiegelbild lieben, welches sich ihm stets entzieht. Beim Versuch sich mit seiner Reflexion im Wasser zu vereinen, stirbt er und verwandelt sich schließlich in eine Narzisse.

Narziss war und ist ein ewiges Thema für uns alle. Viele Künstler, Literaten, Psychologen und Philosophen haben auf eigene Art versucht diese Legende zu interpretieren, so z. B. Ovid, Paul Valéry, Oscar Wilde, Jacques Lacan oder Sigmund Freud.

Die den Mythos beherrschende Mystik und Zerbrechlichkeit hat auch mein Interesse geweckt und mich gleichzeitig gewarnt, als drohte auch mir die Verwandlung in eine ewige Narzisse.

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Allerdings wollte ich die Geschichte nicht wiederholen, sondern sie modernisieren. Folgt das Gedicht „Narziss Wasser Narziss“ auch keiner geraden Linie, so stösst man immer wieder auf Referenzen und Figuren, die sich auf den Mythos beziehen. „Die Geschichte stammt aus einem Reagenzglas...“ erinnert an die moderne Klonforschung. Und doch bleibt „mein aus der Dunkelheit kommender Zwillingsbruder“ nichts als eine fiktive Kopie.

Ich dachte früh an die sehr weibliche Stimme des Sängers Jeff Buckley und die morbide Szene in welcher seine Leiche im Wasser sein bekanntes und so widersprüchliches Lied „Eternal Life“ singt. Anschließend taucht der verstorbene Maler Francis Bacon auf – er sucht in seinem schmutzigen Badezimmer mit aller Kraft den Spiegel, welcher sein Gesicht in Ruhe reflektieren kann. Wie das Wasser verbindet die geheimnisvolle Emotion der Selbstliebe alle Elemente des Gedichts.

In der Begegnung von „mir/Naziss“ am Ufer und „mir/Narziss“ im Fluß wechseln sich die Perspektiven ständig ab. Das „reale“ Ich erkennt sich als Reflexion im Fluß, „...ich blicke hinaus, ein anderes ich steht am Flußufer und sieht auf mich herab…“. So ist nichts mehr real oder wirklich und alles wird zum Bewusstseinsstrom meines subjektiven Spiegels.

Die Zeichnung „Narziss“ und das Gedicht „Narziss Wasser Narziss“ sind im „Buch des Himmels“ erschienen.