Q. G. Li

Heiliger Sebastian

Den Lesern des „Buch des Himmels“ wird nicht entgangen sein, dass insgesamt 3 Gedichte vom „Heiligen Sebastian“ handeln (bzw. von „Sankt Sebastian“ in der Übersetzung von Alexander Ludwig). Wobei zwei dieser Gedichte nicht sprachlich sondern rein symbolisch verfasst sind.

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Sankt Sebastian, Schule von Pietro Perugino, um 1500 (Quelle: Wikimedia Commons)

Seine Jugend verbrachte Sebastian im 3. Jh. n. Chr. in Mailand und kam dann nach Rom, wo er schließlich Hauptmann der Leibwache des Kaisers wurde. Er begann sich um Pestkranke zu kümmern und bekannte sich später öffentlich zum Christentum, worauf man ihn von Bogenschützen hinrichten ließ.

Seit der Renaissance wird der Heilige Sebastian meist als attraktiver, nur leicht bekleideter Jüngling dargestellt. Sein Bezug zu Pestkranken wird oft auf HIV-positive Menschen erweitert, weshalb vermehrt auch Homosexuelle den Sebastian als ihren Schutzpatron ansehen.

1976 drehte der britische Regisseur Derek Jarman den Film „Sebastiane“, welcher durch seine Darstellung des Märtyrers als homosexuelle Ikone starke Kontroversen auslöste.

Warum bin ich also an diesem Thema so sehr interessiert? Lange bevor ich begann über den Heiligen Sebastian zu schreiben, schwirrten schon zahlreiche Vorbilder und Referenzen in meinem Kopf. Dennoch habe ich einen eigenen Entwurf der Figur entwickelt. Ich stelle mir einen gewalttätigen, mürrischen, homosexuellen Soldat vor. Er tritt als Drag Queen auf, erzählt von seinem Interesse an SM-Liebe und davon wie er sich selbst zerstört. Er opfert sich treu für seinen Glauben und ist dennoch verzweifelt. Ich denke das Gedicht als monologisches Theater – eine kaputte Drag Queen spielt Glamour und Wahnsinn auf der Bühne, schreit und weint vor Glück, Angst, Leid und Schmerz.

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Sankt Sebastian, Schule von Pietro Perugino, um 1500 (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Gedicht „Heiliger Sebastian 2“ spielt mit dem uns so vertrauten Symbol der Enter-Taste. Wir bestätigen mit dieser Taste, wechseln die Ebene oder folgen einem Link. Für mich ist dieses moderne Zeichen auch für den heiligen Sebastian sehr passend, der verbogene Pfeil erinnert mich an eine verbogene Seele und ihr stetes Leiden. Die wiederholten Symbole deuten gleichzeitig auf und gegen Gewalt oder Krieg.

„Heiliger Sebastian 3“ ist die aus 100 Pfeilen entstehende Darstellung eines Kreuzes. Ich möchte den Lesern die Dynamik und das Tempo in den letzten Augenblicken vor dem Tod des Märtyrers verdeutlichen. Der Leser soll visuell und zugleich abstrakt die Situation des Bogenschützen wie auch des Erschossenen erleben können. Dabei bleibt der gebundene Körper des heiligen Sebastian immer hinter den nach innen zeigenden Pfeilen präsent.